Israel bereit, auf Nothilfe-Boot zu schießen

Der Newsletter der Free-Gaza-Bewegung 3/2009, 19. Januar

Mehr als 1.300 Tote in Gaza und die Meinung der Welt ist dabei, sich zu ändern. Doch noch ist das Blutbad nicht beendet und es macht uns die Toten, die Verletzten und den materiellen Schaden nicht vergessen. Außerdem nahmen anti-jüdische Tendenzen in der Welt zu, weil die Schlächter von Gaza vorgeben, für alle Juden in der Welt zu sprechen. Gleichzeitig legen sich jüdische Aktivisten aus Protest vor dem israelischen Konsulat in Los Angeles in Ketten und viele weitere erheben gegen dieses Verbrechen an der Menschlichkeit ihre Stimme. Mehr als zwanzig prominente britische Muslime haben einen Brief unterzeichnet, der den Anstieg antisemitischer Angriffe als Folge der gewalttätigen Attacke "Operation Gegossenes Blei" anprangert, und sie rufen Muslime auf, Übergriffe auf Juden in England verhindern zu helfen. Israels Freifahrt, so sagen Analytiker, ist zu Ende, und in der Tat: Angesichts der barbarischen und obszönen Grausamkeiten steigt der Widerstand um ein Mehrfaches. Die Free-Gaza-Bewegung, eine Menschenrechtsgruppe, schickte im August 2008 zwei Boote nach Gaza, die ersten internationalen Boote, die nach 41 Jahren in den Hafen von Gaza einliefen. Vier weitere Reisen waren seit August erfolgreich. Sie brachten Parlamentarier, Menschenrechtsaktivisten und Prominente nach Gaza, die die Wirkung von Israels drakonischer Politik bezeugen konnten. Die sechste und siebte Reise wurde aggressiv und gewaltsam von Israel gestoppt, wovon der folgende Artikel berichtet. Außerdem in dieser Ausgabe: ein Leserbrief über die letzte Reise, ein Augenzeugenbericht von Caoimhe Butterly, Israel gibt zu, den Waffenstillstand gebrochen zu haben, Fischer und Gasvorkommen und die Zitate der Woche. Das Pressefoto der Woche "Gaza" (Download unter http://www.freegaza.org/uploads/media/golrokh_nafisi.jpg - 2117 x 3898 pixel, 300 dpi, 5,3 MB) ist eine Zeichnung der iranischen Künstlerin Golrokh Nafisi, der in den Niederlanden wohnt, (http://golrokhn.blogspot.com). Es ist ein Beitrag für das Free Gaza Art Festival: http://www.anis-online.de/2/freegaza/artfestival.htm.

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"Gaza", © Golrokh Nafisi, http://golrokhn.blogspot.com

Israel bereit, auf unbewaffnetes Schiff mit humanitärer Hilfe zu schießen
Am 15. Januar drohte die israelische Marine damit, unbewaffnete Zivilisten an Bord eines Schiffes mit humanitären Hilfslieferungen zu töten. Das mit medizinischen Gütern beladene Schiff war mit einigen Ärzten an Bord auf dem Weg zum belagerten Gaza. Das Schiff der Free-Gaza-Bewegung, die "Spirit of Humanity", verließ Zypern am Mittwoch Morgen, an Bord Ärzte, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Parlamentarier. Das Schiff führte außerdem mehr als eine Tonne dringend gebrauchter Medikamente mit sich, gestiftet von der "Europäischen Kampagne zur Aufhebung der Belagerung", adressiert an völlig überbelegte Krankenhäuser im Gazastreifen. Ungefähr um drei Uhr morgens (ein Uhr MEZ) umkreisten mindestens fünf israelische Kanonenboote die Spirit of Humanity, die sich in internationalen Gewässern befand, 100 Meilen vor der Küste Gazas, und schnitten dem sich langsam vorwärts bewegenden Boot den Weg ab. Die israelischen Kriegsschiffe nahmen mit der Spirit Funkkontakt auf und forderten das Schiff zur Umkehr auf. Andernfalls würden sie das Feuer eröffnen und "schießen". Als sie gefragt wurden, ob sie die Absicht haben, ein Kriegsverbrechen zu begehen, indem sie absichtlich auf unbewaffnete Zivilisten schießen, erwiderten die Soldaten, dass sie bereit wären, "jedes Mittel" zu verwenden, um das Schiff zu stoppen. Israels rücksichtslose und schockierende Drohungen gegen ein unbewaffnetes Schiff auf einer Hilfsmission stellen eine Verletzung sowohl des Internationalen Seerechts als auch der UN-Konvention über das Seerecht dar, welche festlegt, dass "die hohen Gewässer friedlichen Absichten vorbehalten sein sollen". Dazu die vollständige Pressemitteilung (auf Englisch) unter http://www.freegaza.org/en/home/688-israel-threatens-to-shoot-unarmed-civilians-aboard-mercy-ship

Ein Leserbrief zur letzten Reise
Dustin Durbin schreibt: "Ich weiß, dass ihr euch um die Unschuldigen an Bord eurer Schiffe kümmert, aber der ängstliche Rückzug nach den Drohungen der israelischen Marine zeigt, dass ihr Feiglinge seid. Wenn ihr jemanden sucht, der bei Gefahr, auch Lebensgefahr, nicht zurückschreckt, dann sagt mir Bescheid. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass ihr abgehauen seid, als der mögliche Verlust von wenigen Leben so viele hätte retten können!" - Greta Berlin antwortet: "Lieber Dustin: Auch wenn wir deinen Kommentar über unsere Umkehr angesichts der israelischen Drohungen begrüßen, möchten wir doch unsere Entscheidung erläutern. Diese Reise war keine mit einer Gruppe von Aktivisten an Bord, sondern mit Ärzten und Journalisten. Sie haben versucht, nach Gaza zu kommen, um den Verwundeten dort zu helfen und um über die Situation zu berichten. Außerdem waren einige Tonnen medizinischer Güter und Lebensmittel an Bord. Es handelte sich also nicht um eine Fahrt von Aktivisten, sondern um eine von Medizinern und Journalisten. Als wir im August nur mit Aktivisten unterwegs waren, hätte man uns nicht zum Umkehren bringen können. Dieses Mal, als die Passagiere darum baten umzukehren, lag es in der Verantwortung des Kapitäns, für die Sicherheit der Passagiere zu sorgen. Er hat die richtige Entscheidung getroffen. Das Boot ist zunächst da geblieben und hat der israelischen Marine einige Stunden lang getrotzt. Unsere Hauptverantwortung bei den Überfahrten liegt bei der Sicherheit der Passagiere, die wir mitnehmen. Als Aktivisten waren wir in der Organisation fürchterlich enttäuscht. Als Leute, die für die Sicherheit der nicht-aktivistischen Passagiere verantwortlich sind, denken wir, dass wir das Richtige getan haben."

Noch atmend
Von Caoimhe Butterly. Die Leichenhallen von Gazas Krankenhäusern quillen über. Die Körper - in ihren Blut durchtränkten weißen Leichenhemden - bedecken die gesamte Bodenfläche der Leichenhalle des Schifa-Krankenhauses. Einige sind ganz, die meisten sind fürchterlich deformiert, Körperteile, die sich in unnatürliche Positionen verdreht haben, bloße Brustkörbe schauen hervor, abgeschossene Köpfe, eingeschlagene Schädel. Familienangehörige warten draußen, um einen Bruder, Ehemann, Vater, Mutter, Ehefrau, Kind zu identifizieren. Viele von den Wartenden haben eine Reihe von Angehörigen und Freunden verloren. - Der ganze Artikel steht auf Englisch und Französisch unter http://www.freegaza.org/en/home/696-still-breathing. Caoimhe (gesprochen "Kuiiwa") Butterly ist eine irische Menschenrechtsaktivistin, die derzeit in Gaza arbeitet, in Jabaliya und Gaza Stadt, als Freiwillige im Ambulanzdienst und als Mitkoordinatorin der Free-Gaza-Bewegung. Sie ist zu erreichen unter 00970-598273960 und sahara78 at hotmail.co.uk

Israel gibt zu, den Waffenstillstand gebrochen zu haben
Achtzehn Tage lang hat die israelische Regierung der Welt gegenüber ihre Entscheidung zur massiven Militärkampagne gegen die Bewohner von Gaza damit gerechtfertigt, dass sie eine direkte Folge des Waffenstillstandsbruchs der Hamas war - der Waffenstillstand war von Ägypten ausgehandelt worden. Hamas hat immer gesagt, dass sie zwischen Juni und November 2008 keine einzige Rakete auf Israel abgefeuert hätten. In einem kürzlich auf "Channel 4 News" veröffentlichten Interview gab der offizielle israelische Regierungssprecher Mark Ragev schließlich zu, dass Hamas den Waffenstillstand nicht gebrochen hat. http://uk.youtube.com/watch?v=SILJxPTqjAM Demnach gibt die israelische Regierung zu, die Bedingungen des Waffenstillstands selbst zuerst gebrochen zu haben und dabei fast 1000 Menschen dahingemetzelt und mehr als 3000 verletzt zu haben. Sie hat mutwillig die Infrastruktur von Gaza zerstört - das ist ein Bruch des internationalen Rechts und ein Kriegsverbrechen.

Fischer und Gasvorkommen
Von David Schermerhorn. In den letzten Jahren erwirtschafteten etwa 3000 Fischer in mehr als 700 Booten ihren Lebensunterhalt in den Gewässern vor der Küste Gazas. Vor 1978, als das Fischgebiet das Meer vor der Küste des Sinai noch mit einschloss, hatte das Gebiet eine Gesamtfläche von 75.000 Quadratkilometern. Seit Ende 2000 begann das israelische Militär eine Kampagne der Einschüchterung und Belästigung gegen die Fischer und ihre Boote, sobald sie an die 6-Seemeilen-Grenze kamen oder sie überquerten. Mindestens 14 Fischer wurden von den Israelis getötet, mehr als 200 verletzt und zahlreiche Boote beschädigt oder beschlagnahmt. Warum? In den späten 1990ern entdeckte die British Gas Group (BG Group) ein riesiges Erdgasvorkommen unter den Gewässern vor Gaza: Über eine Billion Kubik-Fuß, was 150 Millionen Barrel Öl entspricht, wurden dort vermutet. Ein bedeutend kleineres Gasvorkommen wurde auch in benachbarten israelischen Gewässern gefunden. Am 8. November 1999 unterschrieb der Vorsitzende Yasser Arafat eine Vereinbarung, bei der die BG Group 90 Prozent bekam. 10 Prozent gingen an die Consolidated Contractors Company, eine palästinensische Einrichtung in Athen mit Verbindung zur PLO. Die endgültige Aufteilung der Rechte wird bis heute in geheimen Verhandlungen zwischen der BG Group, Israel, Ägypten und den Palästinensern ausgefochten. Die Israelis haben mit ihrem Tötungs- und Belästigungsprogramm gegen die Fischer von Gaza erst nach der Entdeckung der Erdgasvorkommen begonnen. Die Annahme ist begründet, dass die beiden Ereignisse miteinander zu tun haben: dass die Israelis die Kontrolle über diese Ressource im Wert von mehr als vier Milliarden Dollar behalten und dass sie gewillt sind, jeglichen Nutzen des Erdgases für die Palästinenser zu unterbinden, unabhängig davon, wer in Gaza regiert. Obwohl der Bruch von menschlichen Grundrechten der Fischer von Gaza weit zurücksteht hinter dem Horror, der sich nun aufgetan hat, sollte er weder vergessen noch vergeben werden. Es gibt kaum Berichte aus Gaza, weil Israel Journalisten einschränkt, und es ist möglich, dass es gar keine Fischerboote mehr gibt oder einen Hafen. - Schermerhorn war in den vergangenen Monaten drei Mal an Bord der Free-Gaza-Boote nach Gaza gefahren. Er verbrachte zwei Tage an Bord der Fischerboote, die von Maschinengewehrfeuer belästigt und mit Wasserkanonen beschossen wurden. Die ganze Analyse auf Englisch unter http://www.freegaza.org/en/home/702-timeline-of-gaza-marine-zone-fishermen-and-natural-gas-deposits - Link zu einem Schermerhorn-Radiointerview zum Thema (Englisch) http://citizenreporter.org/2009/01/bm292-the-battle-for-gaza-gas-reserves/

Zitate der Woche
Der Premierminister der Türkei Erdogan sagte dem Parlament am Dienstag: "Sie sagen, meine Kritik sei rau. Ich nehme an, sie ist nicht so rau wie Phosphorbomben oder Schüsse von Panzern ... Ich reagiere als Mensch und als Muslim." +++ Der Präsident der Generalversammlung der Vereinten Nationen, Miguel d'Escoto Brockmann, sagte vor der UNO in New York: "Die Zahl der Opfer in Gaza steigt Tag für Tag ... Die Situation ist unerträglich. Das ist Genozid."

Der Newsletter der Free-Gaza-Bewegung und die neu gestaltete Website http://www.freegaza.org präsentieren Neues und Hintergrundinfos über die gewaltlose Free-Gaza-Bewegung und ihre Aktionen, um die Belagerung von Gaza und Palästina zu durchbrechen. Redakteur dieser Ausgabe und V.i.S.d.P. ist Anis Hamadeh in Mainz, anis at anis-online.de. Englisch unter http://www.freegaza.org/en/home/newsletter/707-israel-ready-to-shoot-at-emergency-boat, Französisch unter ; kostenloses Abonnement bei der "Friends of Gaza"-Newslist unter https://lists.riseup.net/www/subscribe/gazafriends ; Kontakt zu Free Gaza: friendsofgaza at gmail.com ; siehe auch aktualisierte FGM-Medienclippings unter http://www.freegaza.org/uploads/media/free_gaza_in_the_media.pdf - Allgemeine tägliche Palästinanachrichten unter http://www.theheadlines.org (englisch) und http://www.palaestina-portal.net/deutsch/palestina/index.html (deutsch)

 

 

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