Vittorio Arrigoni 05.10.2008

Ich ging zum Al-Awda Krankenhaus um mir die Fäden ziehen zu lassen, eine ziemlich gute Stickerei auf meiner Haut, die mich für den Rest meines Lebens begleiten wird (todà/danke, Israel), ein Muster wie von Zähnen eines gefrässigen mechanischen Hais, der seit langer Zeit dieses Meer heimsucht und der Jagd auf seine belagerten Opfer macht, die palästinensischen Fischer.

Wieviel unschuldiges Blut wurde bereits zum Futter für die Fauna in den Gewässern vor Gaza? Ich warte ungeduldig, dass das Meer seine Wut beruhigt und wir wieder hinaus fahren können, um das verletzte Recht in Anspruch zu nehmen, das Recht zu leben, oder zumindest, zu überleben, für die Menschen, die rechtmässig ihre Fischgründe nutzen.

Es gibt viele Gründe warum wir die palästinensischen Fischer aufs Meer begleiten, einige davon sind konkrete und überlebenswichtige Gründe, andere haben eher einen symbolischen Charakter, sind aber deswegen nicht weniger wichtig.

Ein Tag draussen auf dem Meer mit uns an Bord, ist, wie uns die Fischer bestätigen, gleichzusetzen mit einer Woche normaler Arbeit. Ohne die internationale Anwesenheit wagen die Fischer nicht, sich weiter als einige wenige Meilen vom Hafen zu entfernen, und in Hafen-Nähe ist die Ausbeute mager. Falls sie es trotzdem wagen, riskieren sie, getötet oder, wenn sie Glück haben, "nur" verletzt zu werden. (Wir sollten uns daran erinnern, dass es vor der israelischen Besatzung am 40 km langen Küstenstreifen vor Gaza mehr als 3500 Fischer gab; heute sind es nur noch ca. 700, die versuchen eine Lebensgrundlage in einem Umfeld zu erhalten, das einst für ca. 40000 Menschen Arbeitsplätze geschaffen hat, z.B. Mechaniker, Fischhändler und Tausenden von Fischern, die jetzt mehr schlecht als recht überleben können).

Am Tag nach einer unserer Fischfang-Aktionen wird der Fang auf dem Markt zu Schleuderpreisen angeboten. Die Nachfrage steigt, und mehr Münder können essen. Die Besitzer einiger Fischerboote, hatten, bevor wir angekommen sind, sich ernsthaft mit dem Gedanken getragen, ihre Boote zu verkaufen, bedingt durch den mittlerweile sehr hohen Benzinpreis und der fehlenden Perspektive für eine zukünftige Einnahmequelle. Seit wir hier sind, wird uns immer wieder mitgeteilt, wie unsere Unterstützung bei der Bevölkerung als die grosse "Hoffnungs-Spritze" fungiert, die in Menschen ohne Hoffnung injiziert wird, und die jetzt auch noch ihre Einnahmen steigert.

Ausser den deutlich sichtbaren Verbesserungen, die wir durch unsere Fischfang-Aktionen erreicht haben, gibt es weitere Ergebnisse, die nicht minder erwähnenswert sind. Mit unseren Booten Free Gaza und Liberty haben wir den Hafen von Gaza geöffnet und mit den einfachen palästinensischen Fischerbooten versuchen wir täglich das Meer zu öffnen, immer in Gedanken daran, dass dies nicht nur für die palästinensischen Fischer, sondern für alle Palästinenser von grosser Bedeutung ist. Dies ist der Grund, warum wir so hartnäckig daran arbeiten, ihr Recht auf ein freies Leben von der Sklaverei in Gefangenschaft, von der Belagerung und von den Menschenrechtsverletzungen Israels, einzuklagen.

Wenn das israelische Militär, oder der Puppenspieler, der in Israel seine Stacheldraht-Fäden zieht, glauben, dass sie mich durch eine Verletzung unschädlich machen können, dem möchte ich nur sagen: Ihr armen Getäuschten.

Ich, Vittorio Arrigoni, zusammen mit Darlene, Donna, und anderen Mitreisenden die sich an dieser Mission zum Schutz der Menschenrechte beteiligen, werde niemals zurückweichen und weiterhin gegen die Beleidigung der Gerechtigkeit, dem Gesetzesmissbrauch und jeglicher Freiheitsvergewaltigung ankämpfen. Ihr werdet uns alle töten und die Verantwortung dafür tragen müssen, vor der ganzen Welt und vor Gott, der in keinster Weise weder in der Torah noch im Koran den kaltherzigen Mord an unschuldigen Menschen rechtfertigt. Tötet uns alle.

Ich würde gerne mit den israelischen Soldaten sprechen, die uns jeden Tag angreifen, und ihnen sagen, dass ich ihnen, an dem Tag an dem ich verletzt wurde, so nah gekommen bin, dass ich das Weiss ihrer kalten Augen sehen konnte; ich würde sie gerne fragen, ob sie wirklich denken, dass sie Israel verteidigen, indem sie auf unbewaffnete Zivilisten schiessen - internatinale oder palästinenische - die einfach nur von palästinensischen Booten aus fischen.

Als Pazifist wünsche ich es mir in keinster Weise, aber ich wäre nicht überrascht, wenn eines Tages einer dieser jungen Fischer, dem Israel die Hoffnung auf ein würdiges Leben raubt, der nacheinander Väter, Freunde, Brüder betrauert, die getötet oder verletzt wurden, oder die jahrelang in einem unmenschlichen israelischen Gefängnis begraben waren. Ich wollte sagen, es würde mich nicht wundern, wenn dieser junge Fischer seine Netze verlassen würde, um statt dessen eine Kalaschnikov in Anschlag zu bringen.

Denn dies bringt Israel, mit seinen Kriegsschiffen, seinen Angriffen, seiner militärischen Besatzung der Grenzen, den jungen Palästinensern bei, die Belagerung als Kollektivstrafe aufzuerlegen und alle Menschenrechte zu verweigern; Israel muss die Verantwortung dafür auf sich nehmen, dass sie das Leben aller seiner Bürger von Ashkelon bis Tel Aviv aufs Spiel setzt, indem den unschuldigen Opfern der Hass gelehrt und den Palästinensern tägliche Lektionen des blanken Hasses erteilt wird.

Wir werden weiterhin vor der Küste fischen, unerschrocken im Angesicht aller Terrordrohungen mit der die israelische Marine uns beschiesst, solange bis Politik, die Aktivisten aus der Oberschicht und die angeblich politisch engagierte Zivilbevölkerung aufhören werden, der "moralischen Frage unserer Zeit", wie Nelson Mandela das Palästina-Problem beschreibt, so schamlos den Rücken zuzukehren.

Wir wollen den Palestinensern, die uns in ihrer Mitte aufgenommen haben, zeigen, dass es auf dieser Welt noch eine kleine Gruppe von Männern und Frauen gibt, die immer noch immun sind gegen die Viren Gleichgültigkeit und Egoismus.
Daher rufe ich Euch auf, lasst uns nicht allein, dreht Euch nicht von Eurem Bruder weg, der durch eine grausame Ungerechtigkeit versklavt wurde.
Kommt her, um uns zu helfen, oder unterstützt uns auf irgendeine andere Art und Weise.
Versucht, uns auch aus der Ferne nah zu sein.

Bleibt menschlich.

Vittorio Arrigoni

(Übersetzung: Sabine Stöhr)

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